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Vietnam Rundreise

Vietnam

Vietnam Reisen - - - 22 Tage Reise

Geschichte über Vietnam

Reisenotizen aus Südostasien

Auszug aus dem Buch "Späte Umarmung", von Bernd Bieder.
Beschrieben wird seine erste Reise nach Vietnam.


19. Dezember 1994

Es ist 2.30 Uhr Ortszeit, ich kann nicht mehr schlafen. Nun bin ich also auf der anderen Seite der Erde. Ich muss mich wohl noch an die Zeitverschiebung gewöhnen.
Mit einer Stunde Verspätung ist die Maschine in Berlin gestartet, eine neue Boeing 767, sehr groß, guter Service und sogar mit Kino an Bord, also keine Anzeichen von dem, was den schlechten Ruf der Vietnam-Airlines einst prägte. Gegessen habe ich von den bereitgestellten üblichen Menüs nichts, doch später bestellte ich mir etwas Obst und man konnte mir meinen Wunsch erfüllen. Der Aufenthalt in Paris betrug eine halbe Stunde und dann folgte ein Flug von sechs Stunden bis Dubai. Auf der Leinwand flimmerte währenddessen ein Kinderfilm und danach ein amerikanischer Spielfilm über den Vietnam-Krieg.

Die abendliche Luft in Dubai war gemäßigt sommerlich warm. Der Flughafen dort schillerte im Glanze des arabischen Ölreichtums. Nach einer Stunde ging es weiter und dann folgten noch einmal gut sieben Stunden bis Saigon. Als ich um halb drei deutscher Zeit im Flugzeug erwachte, schien bereits die Sonne, wir flogen ihr direkt entgegen. Die aufgehende Sonne also am Bug voraus als Botschafterin des asiatischen Lächelns. In der Tiefe unter den wenigen Wolken schlängelten sich die Küstenlinien irgendwelcher Länder. In meinem Inneren hatte sich ein spannendes, erwartungsvolles und auch wohltuend leichtes Gefühl ausgebreitet.

Mit dem Eindruck des luxuriösen Flughafens von Dubai noch in den Augen, wirkte der von Saigon eher wie ein großer Betonschuppen. Die Beamten verhielten sich bürokratisch, grimmig und streng, genau so, wie man das von kommunistischen Beamten halt kennt. Ich musste noch einmal das gleiche Formular für das Visum ausfüllen. Meine Erklärung, dies schon in Berlin gemacht zu haben, half nichts. Der Uniformierte klopfte unerbittlich mit seinem Kugelschreiber auf die leeren Spalten des Blattes und beim zweiten Anlauf auf das fehlende Passfoto. Ein Fotograf stand in einer Ecke mit einer Sofortbildkamera bereit. Die beiden Passfotos waren erwartungsgemäß entsprechend teuer. Dann beanstandete der Beamte noch die fehlende Adresse in Vietnam. Doch als ich ihm die Situation erklärte und ihm die Saigoner Telefonnummer mit dem Namen der Frau, die mich abholen und an mein Ziel bringen soll, zeigte, durfte ich schließlich passieren. Es schien mir aber, als ob er sich diese Angaben notierte.

Am Ausgang, in der tropischen Sonne, standen dicht gedrängt viele Einheimische hinter einem hohen Eisenzaun, die den Flughafen offenbar nicht betreten dürfen. Einige hielten Schilder mit Namen in die Höhe. Irgendwie ein deprimierendes Bild. Ich fühlte die Augen vieler Menschen auf mich gerichtet. Dann entdeckte ich meinen Namen auf einem Schild. Die Buchstaben waren sehr sorgfältig geschrieben und sogar mit kleinen gezeichneten Blumen verziert. Eine Frau von Mitte dreißig, die ihre beste Kleidung anzuhaben schien, empfing mich freundlich. Sie hatte einen Mietwagen mit einem Fahrer organisiert. Warum mir Herr Than in Berlin geraten hatte, nicht selber zu fahren, sollte ich sehr bald verstehen. Selbst die Fahrweisen und Verkehrsverhältnisse wie wir sie aus italienischen Städten kennen, könnten gegen diese hier als überaus geordnet und diszipliniert bezeichnet werden. Unzählige Fahrrad- und Mopedfahrer bewegen sich kreuz und quer durch die Straßen von Saigon, jeder so wie er gerade Platz findet. Auch Fahrradrikschas, die hier Cyclos heißen, sind häufiger darunter. Die vergleichsweise wenigen Autos dazwischen hupen zur Warnung regelmäßig. Bestimmungen wie rechts vor links scheinen hier nicht zu gelten. Ob Auto, Moped oder Fahrrad, man fährt einfach darauf los und sucht sich seinen Weg. Auch die Fußgänger verhalten sich nicht sehr viel anders. Es sieht auf den ersten Blick chaotisch aus, doch es geht alles fließend ineinander über, gleichsam wie in einem Strom, in dem sich alle Teile reibungslos miteinander vermischen. Am Straßenrand sind hin und wieder Obststände zu sehen, und an einer alten Mauer hatte ein Friseur seine Stühle aufgestellt und zwei Spiegel aufgehängt. Schon auf dieser Fahrt vom Flughafen ins Zentrum der Stadt wird mir klar, dass dies immer noch ein ganz anderes Land ist. Ganz anders, als wir Westlichen es sonst kennen.

An manchen älteren Gebäuden dieser Stadt haftet noch der verblichene Glanz kolonialer Tage. Doch sehr viele - auch die einfachen Häuser neueren Datums - wirken aus der Sicht des westlichen Standards sicherlich heruntergekommen, aber, wie ich finde, auch sehr ehrlich und sehr lebensnah. Sie sind mitunter ineinander verschachtelt und mit teilweise windschiefen Werbeschildern der Läden darin versehen. "Lebensnah" ist überhaupt ein Wort, das mir im Zusammenhang mit den ersten Eindrücken hier häufiger in den Sinn kommt.

Nach dem Geldwechsel wurde ich sogleich und zu meiner eigenen Verlegenheit mit der Armut hier konfrontiert. Wieder ins Auto einsteigend, hielten eine alte Frau und ein Kind bettelnde Hände an die Scheiben. Der Fahrer drückte die Verriegelung herunter und vertrieb sie mit Handzeichen.

Dann ging die Fahrt aus der Stadt heraus in Richtung Vung Tau. Mit zunehmender Entfernung von Saigon und vor allem mit dem Verlassen der Hauptstraße wurden die Schlaglöcher immer häufiger, die neben den durcheinander fahrenden Verkehrsteilnehmern, die es hier überall gibt, noch zusätzlich beachtet werden müssen. Häufig trennen die einzelnen Fahrer und Passanten nicht mehr als eine Stoßstangenbreite. Doch trotzdem fühlte ich mich nicht unsicher; vielleicht, weil das übermäßige Rasen wegen der besonderen Verhältnisse hier kaum möglich ist.

Überall sah ich Palmen stehen, an denen Kokosnüsse hingen. Und auch einige Bäume mit dicken Jackfrüchten sah ich schon. Gebäude mit etwas gehobenem Standard sind sehr selten. Viel häufiger dagegen sind armselige Hütten zu sehen. Phuóc Tinh heißt das Fischerdorf, in dem meine Gastfamilie lebt. Mit frischem Kokossaft wurde ich begrüßt, köstlich.

Am Nachmittag machte ich mit einem Verwandten der Familie, der zurzeit auch in deren Haus lebt, einen Rundgang durch die zumeist sandigen Straßen dieses Ortes. Dabei liefen deren beide halbwüchsige Kinder beständig hinter uns her. Es soll ein Dorf sein, hat aber sicher schon ein paar tausend Einwohner. Und dass ich mich in der so genannten Dritten Welt befinde, ist auch hier überall deutlich festzustellen. Ich hatte den Eindruck, dass ich den Leuten gezeigt werden sollte. Die betrachteten mich teilweise auch als käme ich vom Mond. Ausländische Touristen, in Vietnam ohnehin noch recht selten, verirren sich vermutlich noch seltener hierher. Ich wich den Blicken der staunenden Leute nicht aus, sondern begegnete ihnen freundlich lächelnd. Darauf lachten sie spontan über das ganze Gesicht und wechselten lebhafte Worte miteinander. Oder sie hoben auch grüßend ihre Hände.

Der Strand entlang von Phuòc Tinh ist nicht sehr schön. Die Menschen, die dort in den Häusern und Hütten am Meer wohnen, lassen ihren Unrat ins Wasser fallen. Doch wie man mir sagte, gibt es nicht weit von hier bessere Strände. Wir wateten ein wenig durch das Wasser. Eines der beiden Kinder der Familie - ein Junge von etwa 13 Jahren - musste derweil meine Sandalen tragen. Mein Einspruch wurde von dem Onkel nicht gelten gelassen, und der Junge, der ja seine eigenen Schuhe auch schon trug, machte dies ohne jeden Widerspruch.

Das Haus meiner Gastgeber - ein eingeschossiger Flachbau wie fast alle Gebäude in diesem Ort hier - ist ebenfalls von sehr einfacher Gestalt. Überall sind die Spuren der Zeit zu sehen. In den Fenstern befinden sich keine Scheiben, allenfalls Fensterläden und Gitter oder offene Steinelemente. Für die Frischluftzufuhr ist das auch sicher sehr viel angenehmer. Türen im Inneren gibt es ebenfalls nicht. Stattdessen hängen Vorhänge in den Durchgängen. Und die Trennwände reichen nicht bis zur Decke. Sie sind nur zwei Meter hoch und darüber noch einmal gut einen halben Meter bis zum Dach hin offen. Das einzige Zimmer mit bis zur Decke geschlossenen Wänden gibt es im Nebengebäude. Nach unseren Maßstäben wirkt es wie eine schon lange Zeit nicht mehr renovierte Pkw-Garage. Ich habe es für mich erbeten.

Hier verfüge ich über einen Tisch und einen Stuhl, ein Bett mit Moskitonetz und eine Ablage für die Sachen. Auch eine Hängematte baumelt in der Nähe des Einganges. Ich bin schon darin eingeschlummert und finde sie sehr angenehm. Ein Stromanschluss, an den mein Stecker passt, ist in meinem Zimmer vorhanden, so dass ich an dem Laptop arbeiten kann. Währenddessen huscht manchmal ein Gecko über die Wände. Auch eine Maus kam mich schon besuchen. An den Wänden blättert teilweise die Farbe mehrerer Anstriche ab. Blau, Grün, Rot, alles ist an diesen Stellen vertreten. Und darunter wird der rohe Putz in unterschiedlichen Grauabstufungen sichtbar. Diese Wände haben durchaus Ähnlichkeit mit gewissen Bildern, die zu modernen Kunstwerken avanciert in vielen Museen bei uns hängen. Hier sind es aber normale Gegebenheiten. Es ist doch interessant, denke ich, wie wir in unserer reichen westlichen Welt derartige Erscheinungen penibel zu beseitigen streben. Aber dann, sozusagen auf einer höheren Ebene, werden solche Kompositionen als Kunstwerke an die sauberen weißen Wände gehängt.

Für die regelmäßigen Stromausfälle steht auch noch eine Petroleumlampe bereit. Die Toilette befindet sich auf der anderen Seite des kleinen geschlossenen Hofes. Sie ist zum Hocken. Als Wasserspülung dient ein Eimer und dazu eine Schöpfkelle. Eine Dusche gibt es auch. Man geht dazu in die Kammer daneben, nimmt sich ebenfalls einen Wassereimer mit Schöpfkelle und gießt sich das Wasser einfach über den Körper.

Auf dem Hof gibt es einen Brunnen und am Haus ist noch ein geschlossenes und recht großes Bassin unter der Erde angelegt. In letzterem wird während der Regenzeit das Wasser gesammelt, um einen Vorrat für die trockenen Monate zur Verfügung zu haben. Man verwendet es ausschließlich zum Kochen und Trinken; denn das aus dem Brunnen schmeckt offenbar wegen der Nähe zum Meer unangenehm. Ich kann meine Bedenken nicht verbergen, worauf mir erklärt wird, dass das Regenwasser sehr sauber sei, denn es gibt hier keine große Luftverschmutzung wie in den Industrieländern. In der Tat habe ich auch noch keine rauchenden Schlote gesehen. Aber ein anderer Schreck durchfährt mich plötzlich. Die Platten des Daches, über das ja das gesammelte Regenwasser fließt, sehen aus wie Wellasbest. Ich will zum Wörterbuch eilen und den Leuten die Gefährlichkeit dieses Materials erklären, deren Fasern sie damit direkt in ihre Nahrung hineinleiten. Doch ich breche mein Vorhaben wieder ab. Was soll ich Panik machen. Sie werden - mit dem wenigen Englisch, das sie sprechen -, mich entweder überhaupt nicht verstehen, und selbst wenn, dann doch nichts daran ändern können. So beruhige ich mein Gewissen damit, indem ich hoffe, dass diese Platten vielleicht doch kein Asbest enthalten.
Wenn ich schmutzige Wäsche habe, wäscht die Frau diese für mich, mit der Hand natürlich, auf dem steinernen Boden in der Mitte des Hofes.


20. Dezember 1994

Das, was ich hier erlebe und sehe, bewegt mich sehr. Ich bin heute mit einigen Frauen und zwei Männern, darunter meiner Gastgeberin, nach Saigon mitgefahren. Sie bildeten offenbar eine Fahrgemeinschaft, hatten Einkäufe und auch andere Dinge zu erledigen und mieteten sich einen Kleinbus mit Fahrer. Ein Fahrer gehört hier offenbar immer mit dazu, und wenn man rastet, wird dieser wie selbstverständlich mit versorgt. Unterwegs, auf den überaus lebendigen Straßen, geriet ein großer Hund unter die Räder. Im Rückspiegel konnte ich noch sehen, wie er sich aufzurappeln versuchte, aber nicht mehr auf die Beine kam.

Nach einigen Zwischenstopps kamen wir in Saigon vor einer Art Kaufhaus an. Aber auch dort darf man eigentlich keine europäischen Vergleiche heranziehen. Ebenso nicht für die Marktstände in den Straßen um dieses Gebäude herum. Auf dem kurzen Weg zum Haupteingang und im Eingangsbereich selbst streckten mir etwa zwanzig armselige Leute - mich als "reichen" Ausländer erkennend - ihre bettelnden Hände entgegen und sahen mich mit flehenden Augen an. Darunter auch einige buddhistische Ordensleute mit ihren langen gelblich-ockerfarbigen Gewändern. Sie saßen oder standen dort am Rande des Weges zu beiden Seiten wie in einer Linie aufgereiht und bildeten so ein Spalier bis zu den Stufen des Einganges. Ihren Gesichtern konnte ich unschwer ansehen, dass sie nicht weniger bedürftig als die übrigen waren. Jemand, der sich ein Flugticket hierher leisten kann, so die Meinung der Vietnamesen, muss reich sein.

Im Erdgeschoss dieses Gebäudes führten mich meine Begleiter in eine riesige Halle, in der sich ein Imbissstand neben dem anderen erstreckt, oder besser gesagt rechteckig angeordnete, büffetartige Stände mit Kochstellen und einigen einfachen Plätzen ringsherum. Mehrere Inhaber dieser Stände traten werbend an uns heran und versuchten, uns für sich zu gewinnen. Auf Platten, Tellern und in Schüsseln waren bereits aufgeschichtet die zubereiteten Speisen. Die vietnamesische Küche ist wegen ihrer kulinarischen Reichhaltigkeit durchaus geschätzt und bekannt. Und für unsere Verhältnisse ist es spottbillig. Doch für Naturköstler ist dieser Ort sicher nicht attraktiv. Meine Gastgeber wollten mir trotz meiner bereits offenkundig gewordenen Ernährungsweise auch einiges von den zubereiteten Speisen bestellen. Es gelang mir höflich abzulehnen und ich erhielt stattdessen eine frische Trinkkokosnuss serviert. Und als ich gerade ansetzen wollte, zupfte mir eine alte Frau von hinten am Ärmel und hielt mir ihre alte bettelnde Hand unters Gesicht. An meiner anderen Seite erschien in der gleichen Absicht auch noch ein Kind. Ich wollte zum Geld greifen, doch meine Begleiter gaben mir zu verstehen, dass sie das an meiner Stelle tun wollen, denn sonst kämen immer mehr.


21. Dezember 1994

Heute sind wir auf einem großen Markt in einem Ort namens Baria hier ganz in der Nähe gewesen. Dazu wurde das eigene Moped der Gastgeber benutzt und noch eines mit Fahrer gemietet. Diese stehen hier häufig in den Straßen und an zentralen Plätzen auf Kundschaft wartend herum. Oder man fragt einfach dort, wo man einen Fahrer vermutet.

Auf dem Markt boten die Leute ihre Waren teilweise auf der Erde liegend an, auf Bananenblättern, auf Matten oder auch in Körben. Oder sie hatten sie an klapprigen Ständen ausgebreitet. Und inmitten dieser Auslagen befanden sich auch die köstlichsten tropischen Früchte.

Wieder begegnete ich zahlreichen bettelnden Menschen. Diesmal besonders häufig Kindern. Es waren Kinder im Alter von vielleicht fünf bis acht Jahren. Vielleicht sogar auch noch jünger. Sie hielten einen leeren Napf in ihren Händen und stießen mir damit mehrmals in die Seiten, während sie hinter mir her liefen. Natürlich steckte ich ihnen manchmal etwas zu. Aber es kamen immer wieder neue. Dann sah ich noch einen Mann, dem beide Beine fehlten. Wahrscheinlich ein Kriegskrüppel, der auf den Händen und den verstümmelten Enden seiner Gliedmaßen über die staubige Straße am Markt kroch, mit eingezogenem Kopf und krummem Rücken und stets darauf achtend, nicht vielleicht von einem Fahrzeug erfasst zu werden, wobei er die langen Enden der unter den verstümmelten Beinen zusammengebundenen und verschlissenen Hosen hinter sich her durch den Schmutz zog.

Im Reiseführer las ich: wenn die USA den Vietnamesen das Geld gegeben hätten, das sie dieser Krieg gekostet hat, dann hätten sie ihn wahrscheinlich gewonnen. Denn dann hätte jeder der vielen Millionen Vietnamesen 2.000 Dollar bekommen. Das Monatseinkommen eines normalen Vietnamesen beträgt derzeit etwa 50 Dollar und war damals noch weit geringer. 2.000 Dollar wären für hiesige Verhältnisse also ein Vermögen gewesen. Wieder auf dem Rücksitz des Mopeds sitzend und an die jüngsten Eindrücke denkend, werde ich plötzlich von Tränen übermannt.

Meine Gastgeber bringen mir inzwischen die größten Köstlichkeiten dieses Landes in Mengen heran: herrlichste ursprüngliche tropische Früchte. Das heißt aber, für mich sind dies Köstlichkeiten. Sie selbst verschmähen diese oftmals und essen lieber drei Mal am Tag eine warme Suppe. Und wenn sie diese Früchte vielleicht doch essen, dann häufig nur mit einer Gewürzmischung oder mit Salz. Cempedak habe ich schon gegessen, Jackfrucht, Sapoten, Milchäpfel, Mangos und manches mehr. Der Inhalt meiner Obstschale wird immer größer. Erst heute kam jemand mit einer ganzen Staude frischer Trinkkokosnüsse. Dass dieses Land einerseits über einen solchen paradiesischen Reichtum verfügt, aber andererseits - wie auch andere Länder der Dritten Welt - tiefe Armut erleidet, ist einer der größten Widersprüche auf dieser Erde.


22. Dezember 1994

Die Wärme und das tropische Klima hier vertrage ich seit den ersten Stunde ausgezeichnet. Auch gesundheitlich bemerke ich nicht die geringsten Probleme, obwohl Dutzende von Krankheiten im Reiseführer angekündigt werden. Wie ich sogar beobachten konnte, schwitzen meine vietnamesischen Begleiter mehr als ich selbst. Auch die Moskitos scheinen an meinem Blut ein geringeres Interesse zu haben als an dem ihren.

Heute waren wir an einem sehr schönen Strand, zwanzig Minuten mit dem Moped von hier entfernt. Heller feiner Sand und ab und an einige Felsbrocken in der Brandung. Noch sehr ursprüngliche Natur. Das Wasser war angenehm warm, die Wellen recht hoch und plötzlich fiel mir ein, dass ja in zwei Tagen Weihnachten ist.

Einen Brief nach Deutschland habe ich Lin mitgegeben, einer Vietnamesin, die einen deutschen Pass hat und die in wenigen Tagen nach Berlin zurückkehrt. Sie ist vor zehn Jahren als Boat-People geflüchtet.


10. Januar 1995

Nach zwei Wochen des Umherreisens bin ich nun wieder bei der Familie in dem Fischerdorf angekommen, habe mein altes Quartier bezogen und werde mich ein paar Tage wieder intensiver dem Schreiben widmen. Inzwischen konnte ich vieles sehen und über dieses Land erfahren: schöne, aber auch nicht so schöne Dinge. Mitunter machten mich die Erlebnisse auch wieder sehr betroffen.

Zunächst fuhr ich mit Frank - einem Berliner, den ich hier traf - nach Saigon. Seine wie auch meine Ankunft hatte sich in Phuòc Tinh sehr schnell herumgesprochen. Wir waren offenbar die einzigen beiden Ausländer, die sich zu dieser Zeit in diesem Ort und dieser Gegend aufhielten. So hatte man uns schon kurz darauf zusammengeführt. Wir beschlossen, einige Tage gemeinsam durch dieses Land zu reisen.

In Saigon blieben wir drei Tage. Wir hatten ein preiswertes nettes Zimmer in einem Mini-Hotel gefunden, welches gleichsam wie eine kleine Hütte auf der Dachterrasse des vierstöckigen Hauses errichtet war. Dann mieteten wir uns zwei Fremdenführer mit leichten Motorrädern - eigentlich Privatleute, die sich für diesen Zweck verdingen - und brachen ins Mekong-Delta auf. Nach sechs Tagen kehrten wir nach Saigon zurück, worauf wir uns wieder trennten. Danach ging ich noch für drei Tage nach Dalat.

Zunächst, beim Bummel durch Saigon, habe ich schnell das richtige Überqueren der Straßen gelernt und es sehr interessant gefunden. Was mir dabei besonders gefiel war, dass es offenbar keine starren Regeln gibt. Besonders auf den Hauptverkehrsstraßen rollt oft ein ganzer Pulk von Mopeds, Fahrrädern und Rikschas und vereinzelt auch Autos auf einen zu. Unvorbereitete Ausländer, die in diesem Moment den Fuß auf die Straße setzen, würden sich vielleicht unweigerlich verloren glauben. Aber, weit gefehlt. Man muss nur zwei Dinge beachten: Man geht seelenruhig los, nicht im rechten Winkel zur Straße sondern etwas schräg und man darf weder stehen bleiben noch rennen. So gleitet man unberührt durch den Verkehrsstrom hindurch. Man wird umspült von diesem Strom wie eine einsame kleine Flussinsel. Sobald man aber anfängt, seine Schritte schneller zu setzen oder gar zu stoppen, werden die anderen Verkehrsteilnehmer irritiert. Die Positionen lassen sich nicht mehr vorausberechnen und es kann zu kritischen Situationen kommen.

Im Mekong-Delta kamen wir durch sehr belebte Gegenden und auch durch sehr entlegene Regionen. Unsere beiden ortskundigen Führer und die leichten Motorräder machten auch Strecken und Orte möglich, die wir sonst nie erreicht und gesehen hätten. Durch Gegenden mitunter, in denen manche Menschen zuvor offenbar noch nie einen weißen Ausländer zu Gesicht bekommen hatten, oder zumindest sehr lange nicht mehr. Jedenfalls verhielten sich einige auffallend in dieser Weise, denn sie staunten sichtbar und holten mitunter ihre Kleinen aus den Bambushütten, während sie auf uns zeigten. In den größeren Dörfern versammelte sich um uns manchmal sofort eine Kinderschar, die Augen mit starren Blick auf uns gerichtet. Gingen wir in jenen abgelegenen Orten über einen Markt, dann waren nicht selten von Stand zu Stand einsilbige Rufe oder auch amüsiertes Lachen zu hören. Keiner unserer Schritte und Bewegungen blieb unbeobachtet. Manche musterten uns still, doch überall gab es auch Leute, die mit Hallo-Rufen auf sich aufmerksam machen wollten; wobei sie uns anlachten und die Hand grüßend erhoben. Mir schien es, als ob sie großen Wert darauf legten, von uns, also von einem Ausländer beachtet zu werden. Dafür gingen sie mitunter sogar soweit, die Erwiderung ihres Grußes schon beinahe zu provozieren. Vielleicht hebt das in der Tat ihr Selbstwertgefühl, denn das Schicksal dieses Volkes ist bis in die jüngste Vergangenheit nicht gerade ein sehr glückliches gewesen. Und die Isolation des Landes von der Außenwelt währte bis vor wenigen Jahren. Ein Jahr zuvor war es noch verboten gewesen, dass Privatleute einem Ausländer Quartier boten. Ins Mekong-Delta durften Ausländer ohne einen staatlichen Reisebegleiter überhaupt nicht reisen, und selbst dann auch nur auf vorgeschriebenen Routen. Die wenige Ausländer, die in den letzten zwei Jahrzehnten nach Vietnam kamen, waren vor allem Russen, die in der Landessprache Lien Xo heißen. So hatten die Vietnamesen alle Ausländer kurzerhand als Lien Xos bezeichnet, genauso wie sie auch alle Mopeds als Honda bezeichneten, weil es, bis auf ganz wenige Ausnahmen, nur diese eine Marke in diesem Land gab. Auch in den Fragen der Einheimischen an unsere beiden Führer tauchte immer wieder der Begriff Lien Xo auf. 'Duc', hörten wir dann in deren Antwort, und das bedeutet Deutsche.

Hin und wieder gab es auch einige Männer, die uns anfassten, vielleicht, um mit dieser Berührung die Begegnung mit uns für sich zu unterstreichen. Einmal, als ich mit freiem Oberkörper vor einem Haus saß, kam ein Mann und strich mir fasziniert mit seinen Fingern über meine Brusthaare. Üppiger Haarwuchs an dieser Stelle ist für sie offenbar etwas sehr Ungewöhnliches. Dann gab es immer wieder auch einige Frauen, die sich um Frank scharten und amüsiert kicherten, wenn sie in seinem Ohr den Ring entdeckt hatten.

Auch Bettler waren in allen Orten wieder gegenwärtig. Ich bin dazu übergegangen, ihnen kein Geld mehr, sondern hier und da eine Frucht in die Hand oder in ihr Gefäß zu legen. Die älteren scheint das manchmal zu verwundern, aber sie nehmen diese normalerweise dennoch an; auch wenn manchen anzusehen war, dass ihnen Geld lieber gewesen wäre. Beeindruckend fand ich das Erlebnis mit zwei Kindern. Einem Jungen hatte ich eine große Sapotille geschenkt. Er ging zu einem Mädchen, das am gleichen Platz bettelte, und beide teilten sich diese und verzehrten sie genüsslich.

Überall, wo viele Menschen unterwegs sind, trifft man auf Leute, die irgendetwas verkaufen wollen und die natürlich in einem Ausländer sofort einen potentiellen Käufer sehen. Manche der Leute, die mit Bauchläden herumlaufen, gebärden sich manchmal ziemlich aufdringlich und fast schon flehentlich, damit man wenigstens ein paar von ihren Kaugummis oder ihren Zigaretten erwirbt oder auch von ihren abgepackten Esswaren. Entlang der Straßenränder in den Ortschaften sitzen hin und wieder auch alte Frauen oder Kinder an kleinen Feuerstellen, über denen sie Bananen backen und wo sie bisweilen stundenlang warten, um eine dieser Bananen verkaufen zu können.

Eine besondere und zudem vollkommen natürliche Köstlichkeit kann man aber in fast jedem Straßenrestaurant bekommen. Es sind frische Trinkkokosnüsse. Und falls gerade keine da sind, dann klettert jemand auf die nächste Palme und erntet welche. Eine einzige Nuss enthält bis zu einem Liter Saft. Dieser ist fruchtig nussig und süß - man schmeckt auch heraus, dass er sehr nahrhaft ist - und wenn die Nüsse schon etwas älter sind, dann ist er manchmal auch schwach prickelnd. Champagner der Natur könnte man also sagen. Dieses Getränk ist hier sogar billiger als Mineralwasser. Ich labe mich täglich daran.
Ganz besonders beeindrucken mich aber immer wieder die Märkte. Darauf sind überall die herrlichsten tropischen Früchte zu finden. Allein von Bananen gibt es in Vietnam um die zwanzig Sorten, eine köstlicher als die andere. Die Marktfrauen bemerkten schnell mein besonderes Interesse und winkten mich einladend an ihre Stände.

Einmal, als ich auf einem Markt prüfend an den Früchten roch und dabei von den Menschen ringsherum wie üblich genaustens und schon geradezu mit Spannung beobachtet und angestarrt wurde, lachten plötzlich alle, als ich ablehnend den Kopf schüttelte. Als ich bei einer anderen Frucht zustimmend nickte, lachten sie wieder. Manche sind auch irritiert, wenn ich an ihren Früchten oder am Gemüse rieche. Vielleicht denken sie auch, ich vertraue ihnen nicht und zweifle, dass die Ware frisch ist. Dabei will ich nur feststellen, welche Sorten ich im Augenblick anziehend appetitlich oder weniger appetitlich für mich finde.
Die Mangosaison hat gerade begonnen. Traumhaft köstlich sind diese ursprünglichen Sorten hier. Manche sind sehr süß und schmelzend und andere intensiv fruchtig oder süß-säuerlich. In einem kleinen abgelegenen Dorf fand ich aber eine unscheinbare zierliche Mangosorte, die noch einmal alles übertraf. Ein wirklich himmlischer Genuss. Aber nicht nur auf den Märkten, vor allem auch an den Bäumen sind hier immer wieder eine Fülle von verschiedensten Früchten zu sehen. Viele Obstbäume stehen am Rande der Straßen und Wege, neben den Hütten oder zwischen den vielen Streusiedlungen in der Landschaft. Es gibt auch Flussmärkte, zu denen die Leute mit ihren Holzbooten die kleinen Flussarme heraus von irgendwoher kommen. Die Boote ebenfalls voll beladen mit Früchten.

Auch wir selbst waren auf diesen Flussarmen mehrmals mit einem Holzboot unterwegs. Doch zuerst überquerten wir die beiden Hauptströme des Mekong mit einer Fähre.

Die beiden Fährschiffe waren die einzigen Wasserfahrzeuge aus Metall, die ich hier sah. Auch Plastikboote konnte ich kein einziges sehen. Alle Boote, sowohl die kleineren als auch die größeren, sind aus Holz gefertigt. Und Boote gibt es in diesem weit verzweigten Netz von Wasserstraßen sehr viele. Pfahlbauten stehen häufig am Ufer, gleichfalls aus Naturmaterialien gebaut; wie überhaupt die meisten Hütten außerhalb der größeren Ortschaften hier immer noch aus Bambus, Holz und Palmenblättern bestehen. Man fühlt sich zurückversetzt in eine andere Zeit. Und während sich unser Boot langsam in die kleineren Flussarme vorschob, tauchten wir in eine üppig-grüne tropische Pflanzenkulisse ein. Die Regenzeit war gerade erst vorüber.

Reisfelder sieht man viele. Auf der vietnamesischen Speisekarte steht übrigens auch Hund und eigentlich, wie mir scheint, fast alles, was kriecht und fliegt. Ich konnte mich selbst überzeugen, wie ein Mann am Straßenrand einen gebratenen Hund zerteilte und die einzelnen Stücke an zahlreiche interessierte Passanten verkaufte. Auf einem Schlangenmarkt wurden in Gläsern eingelegte Schlangen oder auch frisches Schlangenfleisch angeboten. In einem Käfig flatterten unterschiedlichste und schon völlig zerzauste Singvögel. Halb ausgebrütete Eier gelten als Delikatesse. Doch auf meine Frage, ob sie sich vorstellen können, diese auch roh zu essen, schüttelten die Leute sich heftig.
Aber damit noch nicht genug. Im Mekong-Delta gibt es einen speziellen Fisch. Dieser wird in kleinen Tümpeln neben den Hütten gezüchtet. Dazu werden die Toiletten der Bewohner über dem Wasser des Tümpels auf Pfählen erbaut, so dass der Kot der Menschen direkt in das Wasser hineinfällt. Und jener Fisch frisst diesen bevorzugt.

In Spezialitätenrestaurants kann man auch Fledermaus, Kobras, Schildkröten und noch vieles andere mehr bestellen. An den Ufern der Flüsse stehen mitunter Leute bis zum Bauch im Wasser, die den schlammigen Boden mit speziellen Gerätschaften nach Muscheln durchwühlen. Mir scheint es so, als ob diese Menschen hier mit einer besonderen Intensität die Natur durchkämmen und ständig auf der Suche nach tierischen Produkten sind. Dennoch werden nicht immer alle satt, und hungrige Bettler sind in jedem größeren Ort zu finden.

Das ist doch ein Jammer für die Menschen und für die Tierwelt, wenn man bedenkt, wie fruchtbar diese Region ist. Ich kann mir so schon nicht vorstellen, dass die vielen ohnehin vorhandenen Früchte hier alle verkauft oder verbraucht werden. Und es könnten ohne Schwierigkeiten noch viel mehr paradiesische Obstbäume hier stehen. Auch die besonders proteinreichen und sehr delikaten buttrigen Durians gedeihen in diesem Land prächtig. Oder auch die Jackfrüchte, von denen eine einzige Frucht bis zu 40 Kilogramm auf die Waage bringen kann. Dies wohlgemerkt ohne jede Manipulation. Sie gehören sogar zu den ältesten Früchten überhaupt, die es auf der Erde gibt. Da hängt eine ganze Konditorei am Baum. Eine natürliche Konditorei in diesem Fall, voller vitaler Nährstoffe und ohne Probleme für die Gesundheit oder die Natur mit sich zu bringen.

Da aber die Einheimischen die tierischen Produkte freilich nur gekocht zu sich nehmen und ebenso auch die Produkte der Landwirtschaft überwiegend nur gekocht verzehren, führt das zur nächsten Ausplünderung, nämlich der der Wälder nach Brennmaterialien. Bei täglich drei gekochten Mahlzeiten und einer Bevölkerungsdichte, die an zwölfter Stelle in der Welt liegt, ist auch einiges nötig. Dies hat schon längst dazu geführt, dass die Regenerationsfähigkeit des Waldes überschritten wurde. Die Abholzung tropischer Hölzer tut ihr übriges dazu.

Auch scheint es hier kaum ein Umweltbewusstsein zu geben. Dass man Plastiktüten nicht einfach wie eine Bananenschale in die Landschaft werfen kann, haben die Menschen hier offenbar noch nicht verstanden. Das, was nicht mehr gebraucht wird, wird einfach fallengelassen. Erstaunlich ist dagegen, wie penibel sauber es innerhalb der meisten Häuser ist. Und es gehört zum Anstand, sich die Schuhe an der Tür auszuziehen.

Schon zu Beginn meines Aufenthaltes wurde ich in überraschender Weise damit konfrontiert, dass die Menschen hier zum Thema Nacktheit und Sexualität offenbar ziemlich verschlossene Ansichten haben. Ich hatte mich am Strand ohne die Verwendung eines langen Handtuches oder ohne in eine Kabine zu gehen bedenkenlos umgezogen. Nur das T-Shirt reichte ein bisschen über meine Gürtellinie. Die eine Hose runter und die andere wieder hoch, was ist da schon dabei, zumal, wenn man anderen nicht direkt vor dem Angesicht steht. Mehrere Tage lang machte mir mein vietnamesischer Begleiter Vorhaltungen und ich musste ihm versprechen, dies nie wieder zu tun. Und als ich einmal während der Reise durch das Mekong-Delta von der Dusche kommend splitternackt wieder in mein Hotelzimmer trat, gingen die Augen unserer beidenFührer, die soeben auch im Zimmer saßen, sofort verlegen an die Decke.

Wie ich erfahren konnte, schlägt die vietnamesische Zensur bei Kinofilmen, in denen Nacktheit oder Sexualität vorkommt, erbarmungslos zu. Gewalt und Totschlag werden dagegen nicht beanstandet. Junge Männer sind versessen darauf, schon früh zu heiraten. Und die Mädchen sind bis zu ihrer Verheiratung fest in ihre Familien eingebunden. Sie werden gleichsam an kurzen Leinen gehalten, weit entfernt von jeder Selbständigkeit. Treffen sie sich mit Verehrern, dann werden sie zunächst häufig von Aufpassern begleitet. Bis vor kurzem war es in manchen kleinen Dörfern sogar auch noch üblich, dass die Mädchen schon ab dem 13. Lebensjahr verheiratet wurden. Doch das heiratsfähige Alter hat die Regierung inzwischen amtlich festgelegt. Es beträgt bei Frauen 18 und bei Männern 20 Jahre. Und für den Fall, dass einer der beiden Partner untreu wird, deuten die Vietnamesen unmissverständlich mit der Handkante an den Hals. Sollte ich hier mit einer jungen Frau während der Zeit meines Aufenthaltes intim zusammen sein ohne sie später zu ehelichen, so würde man sie verachten und gar verstoßen. Und sie hätte große Schwierigkeiten, noch jemals verheiratet zu werden. Andererseits hätten uns unsere beiden Führer sofort Prostituierte besorgen können. Sie waren erstaunt, dass wir, wo es doch für uns nicht sehr teuer ist, dies ablehnten.
Dann gibt es, wie zu erfahren war, weiter nördlich in diesem Land einen Ort mit einem so genannten Liebesmarkt. Vielleicht liegt es daran, dass dort eine andere ethnische Volksgruppe mit anderen Lebensgewohnheiten beheimatet ist. Dieser Liebesmarkt jedenfalls steht im völligen Gegensatz zu den eben beschriebenen offiziellen Verhältnissen. Er wird regelmäßig jeden Samstag abgehalten und ob man ledig oder verheiratet ist, man geht dort hin, vor allem, um einen Partner für ein paar Stunden zu finden. Entscheidend ist nur, dass sich beide gefallen. Dann umwirbt man sich sogar mit Gesang. Und wenn man merkt, dass man sich versteht und einig ist, dann ist die Sache klar.

Kinder sieht man in diesem Land viele. Vor allem ist beeindruckend, dass die Kleinsten überall getragen werden. Sie werden entweder von Erwachsenen oder oft auch von größeren Kindern vollkommen selbstverständlich getragen. Welches wichtige Grundbedürfnis unerfüllt bleibt, wenn an diese Stelle Kinderwagen und Kindergitter treten, ist kaum zu ermessen.

Nun aber noch einmal zurück zu den landschaftlichen Eindrücken im Mekong-Delta. Dort fuhren wir auch durch eine wunderschöne weite Ebene. Ich musste allerdings aufpassen, dass unsere beiden Führer und auch Frank nicht ruhelos von einem Ort zum anderen eilen. Besonders in dieser Ebene wollte ich einige Zeit verweilen. Sie wurde in der Ferne zu beiden Seiten von Bergen begrenzt. Direkt am Horizont ging sie aber scheinbar endlos weiter. In einiger Entfernung arbeiteten Reisbauern auf ihren Feldern. Auch zahlreiche, für dieses Land typische braune Rinder waren dort weit hinten zu sehen, die in aller Ruhe weideten. Locker verstreut standen einige Palmen in der Landschaft. Über allem strahlte hell und sehr warm die Sonne.

Ich spürte etwas Besonderes. Etwas, was ich seit ein paar Jahren an verschiedenen Orten in der Natur immer wieder bewusst wahrnehme. Es ist manchmal in irgendeinem Winkel eines Waldes oder auf einer Wiese oder auch an einem See zu spüren. Es ist aber meistens nie an derselben Stelle. Doch es ist wie eine besondere Energie, die sich dann in diesem Augenblick an diesem Ort befindet. Einmal hatte ich auch an einem Waldweg diese Energie wahrgenommen, mir aber vorgenommen, erst auf dem Rückweg dort zu verweilen. Als ich jedoch zurückkam - es war nur eine Stunde vergangen - da war nichts mehr davon zu spüren. Der Platz dort war nach wie vor noch sehr schön. Aber dieses Besondere war einfach weg, war wie verflogen.

Sicherlich sind diese Ereignisse ein Zusammenspiel von vielem, vom landschaftlichen Eindruck bis hin zum Licht, welches gerade dort vorherrscht. Natürlich ist auch meine eigene innere Verfassung dafür sehr entscheidend. So lasse ich mich also seither nach Möglichkeit spontan an solchen Stellen nieder, entweder sitzend oder auch liegend, meistens zunächst mit geschlossenen Augen, manchmal auf der Seite liegend oder auch genießerisch der Sonne zugewandt. Und ich tanke diese Energie. Später öffne ich dann die Augen.
Auch hier in der Ebene des Mekong-Deltas wollte ich es an diesem Tag genauso machen. Doch kaum dass ich einige Minuten alleine im Gras saß, wurde ich schon wieder gedrängt, weiter zu fahren. Aber diese wenigen Minuten waren für mich dennoch sehr inhaltsreich.

Ja, ich fürchte, so geht es sehr vielen Menschen. Sie können einfach nicht zur Ruhe kommen und müssen sich ständig bewegen oder irgendwie ablenken. Sie sind ständig auf der Suche. Doch ich vermute, sie suchen nicht nur unbewusst genau diese besondere Energie, sondern auch sich selber. Gleichwohl sind sie ständig dabei, gerade davor davonzulaufen. Sie können nicht ahnen, welches großartige Erlebnis auf sie wartet, wenn sie zur Ruhe kommen, wenn sie aufhören, sich selbst zu bewegen und wenn sie nur noch die Bewegung um sich wahrnehmen. Es ist dann ungefähr so, als ob man selbst der Mittelpunkt oder die Mittelachse einer großen Uhr geworden ist. Und die Zeit dreht sich um diesen Ruhepunkt, der der Ewigkeit ins Gesicht schaut, ganz langsam herum. Die Zeit und die ganze Erde mit all ihren großen und kleinen Dingen, mit ihren Wolken und ihren Blättern im Wind. Mit Käfern an den schaukelnden Halmen, mit bunten Blüten, die duften, und mit Vögeln, die hoch am Himmel ziehen. Mit glitzerndem Sonnenlicht auf dem Wasser oder mit Tieren, die in der Landschaft stehen und mit einem berauschenden Blick bis zum Horizont. Es ist, als ob man die langsame Drehung der Erde und ihre Kraft in diesem Moment geradezu spürt. Man selbst als ein eigentlich recht kleines Wesen im Verhältnis zu diesem riesigen Planeten. Es ist eine besondere und großartige Energie, die man in diesem Augenblick spürt. Der Planet rückt wieder eine Sekunde weiter, das Gras schaukelt wieder ein bisschen, ein Baumwipfel vielleicht auch, die Sonne wärmt den Körper, ein Käfer zirpt leise und ein paar Vögel ziehen mit gemächlichen Schwingen durch dieses Bild. Es ist göttlich. Es ist die göttliche Ewigkeit, die in dem gegenwärtigen Augenblick liegt. Selbst wenn wir noch so schnell durchs Leben eilen, mit dem offenkundigen Ziel, mehr zu sehen und mehr zu erleben, werden wir diesen wundervollen Punkt nicht erreichen. Eher entfernen wir uns auf diese Weise davon immer mehr.

Ich erinnerte mich auch an mein Erlebnis, das ich gut ein Jahr zuvor in der Toskana hatte. Und ich musste zugleich an eine andere Ebene denken. An den afrikanischen Graben: dort, wo die Wiege der Menschheit liegen soll und wo in der Serengeti die letzten großen Wildherden die Weiten durchziehen. Wo die Löwen brüllen und wo Elefanten durch das Steppengras ihren Weg gehen. Wo die Hufe tausender Gnus die Erde aufwühlen. Wo Zebras und Giraffen in der flimmernden Sonne stehen. Wo sich unzählige Vögel in die Lüfte erheben. Und wo überhaupt ein aus tausenden Herzen gebildetes großes Herz des Lebens schlägt. Ein Herz so vieler verschiedener Arten und Wesen: dort und ebenso an vielen anderen Stellen in der Welt. Beeindruckend in ihren Farben und Formen. Beeindruckend in ihren Bewegungen, und in ihren Stimmen ebenso. Was für ein beeindruckendes Herz! Was für eine beeindruckende Energie! Was für ein wundervolles Geschenk! Wir müssen verrückt sein, dieses zu zerstören. Und ich träumte davon, dass es den Menschen gelingt, wieder in paradiesischen Gärten zu leben, wo sie sich den natürlichen Genüssen und der Liebe ungezwungen und vollkommen frei hingeben können. Wo sie nicht mehr unter den Widersprüchen und Zwängen leiden, die heute noch existieren. Wo sie nicht mehr die Natur und die Tiere quälen und auch nicht mehr sich selbst.
Ganz im Süden des Mekong-Deltas kamen wir auch an einem großen Zementwerk vorbei, aufgebaut als Jointventure mit westlicher Hilfe. Dieses und die grau verstaubte Landschaft dort war freilich kein idyllischer Anblick. Und als uns irgendwo in einer abgelegenen Gegend in der Nähe der kambodschanischen Grenze ein Reifen platzte, wussten die Vietnamesen sich mit einfachsten Mitteln zu helfen und ihn zu flicken.

Das im Reiseführer viel gepriesene Dalat war für mich eher enttäuschend. Aber die Umgegend mit zahlreichen Wasserfällen und mit einigen ethnischen Minderheiten, die in den Bergen leben und die nicht einmal vietnamesisch sprechen, war recht interessant. Das, was mich dort am meisten berührte, geschah aber eigentlich schon auf der nächtlichen Fahrt mit dem Kleinbus dorthin. Es war zwei Uhr, wir hatten bereits das Hochland erreicht, die Sterne leuchteten hell. Der Mond war untergegangen. Wir machten eine kleine Pause und hielten am Straßenrand an. Ich stieg aus und blickte in einen phantastischen Sternenhimmel. Einen Sternenhimmel, wie ich ihn noch niemals zuvor sah. Es kam mir schon beinahe so vor wie in ein dreidimensionales Bild zu schauen und als ob einige Sterne tatsächlich näher und andere weiter zurückliegend waren. Es kam mir vor, als ob ich mich selbst inmitten dieses Sternenhimmels befand. Es war ein wohltuend angenehmes Gefühl, das sich wie Heimat anfühlte. Ein Gefühl, aufgehoben und nicht verloren im weiten Universum zu sein.

Nach der Vietnam Rundreise ging es weiter mit der Rundreise Thailand.

Die Geschichte "Reisenotizen aus Südostasien" ist enthalten in dem Buch "Späte Umarmung", von Bernd Bieder. Das Buch ist erhältlich in unserem Bücher-Shop. Kopien vom Text, auch auszugsweise, sind nicht erlaubt. Verlinkungen sind gestattet.

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